Suchthilfe, Hebammenberatung, Jugendzentren: Wo Hilfe am dringendsten gebraucht wird, setzen Bund und Länder den Sparstift an. Diese Kürzungen gefährden Menschen und den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. Lies hier, wo überall gekürzt werden soll – und wie du helfen kannst.
Kürzungen treffen die dringendsten Angebote
Von Vorarlberg bis Wien: Ganz Österreich spart derzeit [1]. Entscheidungsträger_innen rechtfertigen das mit den hohen Staats-Schulden [1]. Aber oft wird dort gestrichen, wo sich Betroffene kaum wehren können und wenig politische Unterstützung haben. So bekommen etwa Angebote für Menschen mit Suchterkrankungen weniger Geld, während andere Bereiche wie der Tourismus kaum von Kürzungen betroffen sind [3]. Sogar grundlegende Gesundheitsleistungen wie Geburtshilfe oder Frauengesundheit werden reduziert. Das ist ein gefährlicher Trend: Verantwortliche streichen genau die Angebote, die viele Menschen dringend brauchen. Doch wo genau sparen Bund und Länder– und was bedeutet das für die Betroffenen?
Wie funktioniert das Sozialsystem in Österreich?
Das Sozialsystem in Österreich besteht aus zwei Sicherheitsnetzen, nämlich der Sozialversicherung und der Sozialfürsorge.
- Die Sozialversicherung unterstützt in Arbeitslosigkeit, Krankheit, bei Arbeitsunfällen und in der Pension. Arbeitende Menschen zahlen in die Sozialversicherung ein – für sich selbst und nahe Angehörige wie Partner_innen oder Kinder [4].
- Das zweite Sicherheitsnetz ist die Sozialfürsorge. Sie hilft, wenn Menschen nicht durch Arbeit in die Sozialversicherung einzahlen können. Damit sollen Menschen vor Obdachlosigkeit, Armut oder gesundheitlicher Not bewahrt werden [5].
Ein gutes Sozialsystem tut auch dem Staatshaushalt gut
Auch wenn man es nicht sofort sieht: Von diesen sozialen Sicherheitsnetzen profitieren alle Menschen in Österreich. In der Sozialversicherung zahlen Menschen mit höherem Einkommen mehr ein als Menschen mit wenig Einkommen. So ist das Geld fairer verteilt und das hält unsere Gesellschaft zusammen [4].
Auch die Sozialfürsorge lohnt sich: Wenn Menschen rechtzeitig Unterstützung bekommen, lassen sich teure Notsituationen vermeiden. Eine Wiener Studie zeigt: Jeder Euro, der hilft, Obdachlosigkeit zu verhindern, bringt der Gesellschaft 94 Euro zurück. Notquartiere, Krankenhausaufenthalte oder intensive Sozialarbeit würden viel mehr kosten [6].
Trotzdem wird dieses wichtige Sicherheitsnetz gerade geschwächt. Obwohl Sozialleistungen nicht nur den Menschen besser helfen, sondern langfristig sogar dem Staat Geld sparen.
Hier seht ihr, wo in Österreich sich Menschen mit Petitionen gegen Kürzungen engagieren
Wien kürzt bei der Suchthilfe
Die Stadt Wien plant massive Budgetkürzungen von 10 bis 25 Prozent in der Suchthilfe und will außerdem die Strategie zur Wiedereingliederung suchtkranker Menschen in den Arbeitsmarkt abschaffen.
Die Folgen:
- Mehr Armut
- Mehr gesundheitliche Notfälle
- Steigende Kriminalität
“Die Sparpolitik der Stadt Wien trifft vulnerable Menschen. Menschen, die kämpfen – gegen Armut, gegen Abhängigkeit, gegen Stigmatisierung”.
Betriebsratsvereinigung des Sucht- und Drogenhilfenetzwerks Wien
Regierung streicht verpflichtende Hebammenberatung
Die verpflichtende Hebammenberatung sorgt dafür, dass mehr Eltern diese in Anspruch nehmen. Die Regierung will die Verpflichtung aus Spargründen streichen.
Die Folgen:
- Mehr Unsicherheit und Ängste für Eltern in einer sensiblen Zeit
- Probleme rund um Schwangerschaft, Geburt oder Kinderbetreuung bleiben so unentdeckt
- Weniger Vorsorge und Unterstützung
Jobprojekt für Menschen mit Behinderung vor dem Aus
Das P.I.L.O.T.-Projekt in Wien, das Menschen mit Behinderung den Weg zu einem selbstbestimmten Leben und eröffnet und bei Berufs, steht vor dem Aus.
Die Folgen:
- Menschen mit Behinderung verlieren die Unterstützung bei der Jobsuche
- Die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben, echte Arbeit und Wertschätzung wird weggenommen
In Tirol drohen Kürzungen in der Behindertenhilfe
Das Land Tirol will die Mittel für die Behindertenhilfe einfrieren und nicht mehr jährlich anpassen. Das heißt, dass steigende Kosten bei der Behindertenhilfe durch Kürzungen bei den Leistungen kompensiert werden müssen.
Die Folgen:
- Die Arbeit mit Menschen mit Behinderung muss eingeschränkt werden
- Im schlimmsten Fall Kündigung von Sozialarbeiter_innen
Update: Für 2026 wurde die Finanzierung für die Behindertenhilfe mittlerweile zugesichert.
Leibnitz droht Verlust des Jugendzentrums
Mit dem Jugendzentrum Leibnitz fällt ein sicherer Ort für Jugendliche weg. Angebote wie Beratung, Freizeitgestaltung und Unterstützung in Krisen verschwinden.
Die Folgen:
- Ohne Jugendzentrum hohes Risiko, dass junge Menschen in schwierigen Situationen alleine sind
- Fehlende Anlaufstellen führen zu mehr sozialer Isolation
- Prävention und frühzeitige Unterstützung – etwa bei psychischen Belastungen – brechen weg
Unterstützung für Kinder mit Behinderung in Gefahr
Das Land Vorarlberg will Entlastungsangebote und spezialisierte Unterstützung für Kinder mit Behinderungen streichen. Kinder und Jugendliche mit Behinderung bekommen damit weniger Zugang zu notwendigen Therapien, Förderangeboten und wichtigen Unterstützungsleistungen.
Die Folgen:
- Familien fühlen sich alleingelassen und müssen unzumutbare Verantwortung übernehmen
- Ohne verlässliche Hilfe verschlechtern sich Chancen auf Teilhabe, Entwicklung und ein selbstbestimmtes Leben
- Gesellschaftliche und gesundheitliche Folgekosten steigen, weil frühzeitige Unterstützung fehlt
Einsparungen beim Jugendcoaching an Schulen
Das Sozialministerium plant, die finanziellen Ressourcen für Jugendcoachings an Schulen drastisch zu kürzen. Beratungen für Jugendliche werden damit teils nur im 9. Schulbesuchsjahr möglich sein.
Die Folgen:
- mehr Schulabbrüche
- steigende Jugendarbeitslosigkeit
- mehr Gewalt an Schulen
Die Zukunft des Sozialsystems?
Die Verantwortung liegt bei den Entscheidungsträger_innen in Bund und Ländern. Ihnen muss bewusst werden, dass Einsparungen bei jenen, die sich am wenigsten wehren können, trotzdem auf uns alle zurückfallen. Wer bei der Suchthilfe und Hebammenberatungen spart, muss damit auch die Folgekosten in Kauf nehmen. Aber gemeinsam können wir uns gegen die Kürzungen einsetzen – und uns für ein solidarisches Miteinander einsetzen.
Quellen:
[1] Salzburger Nachrichten, 18.10.2025: So setzen die Bundesländer den Rotstift an: Am teuersten sind Gesundheit und Soziales
[2] Momentum Institut, 13.05.2025: Budget: Sparen zur falschen Zeit am falschen Ort – Momentum Institut
[3] Der Standard, 15.10.2025: Wo genau in Wien gespart wird – und warum das soziale Härten bringen kann
[4] Arbeiterkammer Wien: Unser Sozialstaat
[5] Armutskonferenz, 24.03.2002: Armutspolitik und Sozialversicherungsstaat: Entwicklungsmuster in Österreich (1860 bis zur Gegenwart)
[6] Volkshilfe Wien, 24.06.2024: Studie zum gesellschaftlichen und
ökonomischen Mehrwert der Delogierungsprävention der Fachstelle für Wohnungssicherung Wien (FAWOS) mittels einer SROI-Analyse
