Wieso es Schutzzonen um Abtreibungskliniken braucht

Die Initiative “Wirksame Schutzzonen” startete im Oktober 2025 eine Petition auf mein.aufstehn.at und fordert von der Bundesregierung, endlich wirksame Schutzzonen um Abtreibungskliniken einzurichten. Hier geben Vertreter_innen der Initiative Einblick, wieso Schutzzonen wichtig sind und erzählen, wie sie mit einer gelungen Aktion Belästigung durch Abtreibungsgegner_innen unterbrechen konnten:

An dem Tag, an dem meine Freundin Sofia eine der schwierigsten Entscheidungen ihres Lebens traf – eine ungeplante Schwangerschaft abzubrechen – bat sie mich, sie zur Klinik zu begleiten. „Ich möchte wirklich nicht allein sein, wenn ich an den religiösen Fanatikern vor der Tür vorbeigehen muss.

So wie Sofia geht es vielen. Vor Gesundheitseinrichtungen, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen, positionieren sich gezielt christliche Fundamentalist_innen. Sie halten öffentliche Gebete ab und präsentieren Bilder oder Symbole, die vor einer Abtreibung abschrecken sollen. Diese Art des aggressiven Protests nennt sich Gehsteigbelästigung. Die Folgen: Verunsicherung, sowie unmittelbare, oft schmerzhafte psychische Belastungen für Schwangere auf dem Weg zur Beratung oder Behandlung – das zeigen Umfragen [1], Studien [2] und zahlreiche Erfahrungsberichte.

Gebete als Form der Belästigung

Immer wieder wird argumentiert, dass die Gehsteigbelästigung der Abtreibungsgegner_innen ein Ausdruck der Meinungs-, Religions- oder Versammlungsfreiheit sei. Diese Rechtfertigung verschleiert aber worum es den Fundamentalist_innen eigentlich geht: Das Selbstbestimmungsrecht von Frauen* einzuschränken.

Fundamentalist_innen wählen den Ort vor Kliniken gezielt, um Schwangere unter Druck zu setzen und Einfluss auf ihre Entscheidungen zu nehmen – es geht ihnen also nicht „nur“ ums Beten. Diese Absicht zeigt die christlich-fundamentalistischen Gruppe „Jugend für das Leben“ auch mit einem Statement auf ihrer Website: “Unser Gebet ist nicht nur eine Bitte um Veränderung, sondern auch ein Ausdruck der Hoffnung darauf, dass Frauen, die vor schwierigen Entscheidungen stehen, durch die Gnade Gottes eine innere Klarheit und Stärke finden.

Menschen zu verunsichern, ihnen Schuldgefühle zu vermitteln, ihre medizinischen Entscheidungen zu beeinflussen oder ihnen den Zugang zu Gesundheitsleistungen zu erschweren, ist nicht vom Recht auf Meinungsfreiheit umfasst. Patient_innen, aber auch Ärzt_innen und medizinisches Personal müssen vor dieser Belästigung geschützt werden. Aktuelle gesetzliche Mechanismen, wie das Wegweisungsrecht im Wiener Landes-Sicherheitsgesetz, gewähren keinen ausreichenden Schutz.

Eine Person die Schwangere und Personal vor einer Abtreibungsklinik belästigt.
Mariahilfer Gürtel 37, 30. September, 12:14

Was versteht man unter Gehsteigbelästigung?

Gehsteigbelästigung ist eine aggressive Protestaktion von Abtreibungsgegner_innen in der Nähe von Einrichtungen, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Sie belästigen Schwangere und Personal zum Beispiel durch

  • Bedrängen und Einschüchtern: Betroffene werden angesprochen, angeschrien oder verfolgt
  • Aufdrängen von Inhalten: Abtreibungsgegner_innen zeigen Schockfotos oder verteilen Plastik-Embryos
  • Beten: Gegner_innen belästigen Betroffene mit lauten Gebeten oder Gesängen [7]

Einsatz für Schutzzonen vor Abtreibungs-Einrichtungen

Deswegen haben wir die Petition Wirksame Schutzzonen um Abtreibungskliniken jetzt! gestartet. Darin fordern wir, dass Versammlungen von Abtreibungsgegner_innen in einem Umkreis von 150m rund um Einrichtungen, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen, untersagt werden können. So sollen Patient_innen und Mitarbeiter_innen vor Gehsteigbelästigungen geschützt werden. Innerhalb weniger Wochen haben sich über 12.000 Menschen der Forderung angeschlossen.

Die fundamentalistische Gruppe “40 Tage für das Leben” wollte im Herbst 2025 40 Tage am Stück rund um die Uhr gegenüber der Gynmed-Klinik am Wiener Gürtel präsent sein. Ausgestattet mit Schildern, Fotos und Gebeten hatten sie vor Schwangere einzuschüchtern. Deswegen haben wir uns dazu entschieden, parallel unserer Petition eine mehrwöchige Aktion in Wien zu organisieren. Jeden Dienstag haben wir ordnungsgemäß eine Versammlung gegenüber der Gynmed angemeldet. Die Folge: Die Fundamentalist_innen mussten einmal in der Woche ihre Zelte abbauen und konnten ihre Störaktion nicht ungehindert veranstalten.

Wir haben sehr viel spontane Unterstützung von Passant_innen, medizinischem Personal der Gynmed Klinik, sowie durchgängig mediale Aufmerksamkeit bekommen. Über unseren Instagram Account haben wir viel über die Situation vor Ort berichtet:

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Andere Länder machen es vor

England zeigt, wie es gehen könnte: Im Oktober 2024 wurde die Einführung von sogenannten „Safe Access Zones“ beschlossen. Im Umkreis von 150m rund um Abtreibungskliniken ist es verboten Frauen* zu belästigen und ihnen ein schlechtes Gewissen einzureden, wegen ihrer Entscheidung, eine Schwangerschaft zu beenden [3].

Auch in Deutschland sind seit September 2024 in einem Umkreis von 100m um Eingänge von Kliniken, Praxen und Beratungsstellen Schutzzonen eingerichtet. Sollten Abtreibungsgegner_innen diese Schutzzonen missachten, haben sie mit einer Geldstrafe von bis zu 5.000 Euro zu rechnen [4].

Und in Österreich? Im neuen Nationalen Aktionsplan gegen Gewalt an Frauen der Bundesregierung ist für das Jahr 2026 nur die „Prüfung der rechtlichen Rahmenbedingungen zum Schutz von Gesundheitseinrichtungen” vorgesehen [5]. Noch gibt es aber keine Pläne für die Umsetzung von konkreten Maßnahmen.

Die Starterinnen der mein #aufstehn-Petition "Wirksame Schutzzonen jetzt!" vor einer Abtreibungsklinik in Wien
Interview mit dem ORF, Mariahilfer Gürtel 37, 28. Oktober 2025

Reproduktive Rechte sind weltweit unter Beschuss. Auch in Österreich ist kein Ende der Gehsteigbelästigung in Sicht. Die religiös-fundamentalistische Gruppe startete 18. Februar 2026 erneut eine 40-tägige Gebetsaktion vor der Klinik in Wien.

Wir werden uns weiter organisieren und öffentlich über die Notwendigkeit von Schutzzonen sprechen. Gleichzeitig erhöhen wir den politischen Druck, bis endlich wirksame Maßnahmen beschlossen werden, die Patient_innen wie Sofia und medizinisches Personal dauerhaft schützen.

Dabei freuen wir uns über eure Unterstützung. Unterzeichnet und verbreitet die Petition!

Kontextualisierung: Schwangerschaftsabbrüche in Österreich

Für keine Frau* ist ein Schwangerschaftsabbruch eine leichte Entscheidung. In Österreich kommen zu dieser ohnehin belastenden Situation noch zahlreiche weitere Hürden hinzu:

  • Ein Schwangerschaftsabbruch ist rechtlich nicht „legal“, sondern lediglich in den ersten drei Monaten entkriminalisiert. Durch Paragraph 96 im Strafgesetzbuch sind Schwangerschaftsabbrüche immer noch als Straftat eingestuft. Viele Organisationen kämpfen seit Jahren für eine Änderung dieser Rechtslage.
  • Hinzu kommt, dass Betroffene oft erst Ärzt_innen finden müssen, die diese Behandlung überhaupt durchführen. In einigen Bundesländern wie Vorarlberg herrscht ein akuter Mangel an medizinischem Personal [6].
  • Auch finanziell werden Betroffene allein gelassen: Die Versicherung übernimmt die Kosten in Österreich nicht. Frauen* müssen innerhalb kürzester Zeit bis zu 800 Euro selbst aufbringen. Vereine wie Changes for Women versuchen hier zu unterstützen.

*Wir schreiben “Frauen*”, um darauf hinzuweisen, dass auch Menschen mit anderen Geschlechtsidentitäten schwanger werden könnten

 

Quellen:
[1] GynMed, September 2009: Umfrage zum Thema Schwangerschaftsabbruch (aufgerufen unter: https://gynmed.at/sites/default/files/umfrage_wien_2009.pdf)
[2] OTS-Presseaussendung GynMed, 31.07.2024: Studie dokumentiert Belästigung und Bedrängung von Frauen vor Abtreibungsklinik (aufgerufen unter: https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20240731_OTS0082/studie-dokumentiert-belaestigung-und-bedraengung-von-frauen-vor-abtreibungsklinik)
[3] Gov.UK, 31. Oktober 2024: Abortion service protection zones in place in England and Wales
[4] Tagesschau Online, 27. September 2024: Neues Gesetz schützt Schwangere vor Abtreibungsgegnern
[5] Nationaler Aktionsplan zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen 2025–2029 der Bundesregierung, S. 20
[6] Vorarlberg.orf.at, 31. Jänner 2026: Abtreibungsarzt Hostenkamp sperrt Praxis zu
[7] Der Standard, 8. Oktober 2025: Abtreibung: Grüne fordern wirksames Gesetz gegen „Gehsteigbelästigung“

Dieser Blogbeitrag kommt vom #aufstehn-Team. Hin und wieder schreiben auch andere Engagierte oder Petitionstarter_innen Beiträge.