Bericht: Die Zukunft des Dr.-Karl-Lueger-Platzes

Empfehlungen der Expert_innen-Kommission von #aufstehn

Mitten in der Wiener Innenstadt befindet sich eine Pilgerstätte für Rechtsextreme: Das 20 Meter hohe Ehrendenkmal des bekennenden Antisemiten Karl Lueger. Nur eine kleine Tafel weist vor Ort auf die antisemitische Gesinnung ihres Vorbildes hin. Das ist eindeutig zu wenig – denn wir schulden es den Betroffenen als Gesellschaft, stärker mit diesem Denkmal zu brechen. Deswegen haben wir eine Expert_innenkommission zur Zukunft des Lueger-Platzes und des Denkmals einberufen: Sieben Expert_innen aus den Bereichen Architektur, Kunst, Kultur, Zeitgeschichte sowie Betroffene haben beraten, wie es in Wien weitergehen soll – und sie haben sich geeinigt: Lueger kann so nicht stehen bleiben und der Platz muss umgestaltet werden. Den gesamten Bereich findest du auf dieser Seite.

Den Bericht lesen:

Geschichte heißt, dass die Gegenwart ein Verhältnis zur Vergangenheit eingeht. Nicht, dass Vergangenheit in die Gegenwart kontinuiert wird.

— Gabu Heindl (Architektur und Stadtplanung)

Bericht:

Bald jährt sich die Enthüllung des Dr.-Karl-Lueger-Denkmals auf dem ebenfalls nach Dr. Karl Lueger benannten Platz in der Wiener Innenstadt zum hundertsten Mal. Während sich das Wien rundherum in den letzten 100 Jahren stark weiterentwickelt hat, haben diese Statue und der Platz es nicht getan. Auf dem Fundament von Antisemitismus und politischer Hetze gegen Minderheiten erbaut, steht es bis heute unverändert dort. Was vor 100 Jahren als Ehrendenkmal für einen bekennenden Antisemiten errichtet wurde, gilt auch heute noch als Pilgerstätte für bekennende und gewaltbereite Rechtsextreme.

Seit Jahrzehnten machen wir als Zivilgesellschaft darauf aufmerksam, dass das Denkmal und der Platz heute so nicht mehr stehen bleiben können. Warum? Die Funktion des Dr.-Karl-Lueger-Denkmals ist es nicht, Geschichte zu erzählen, sondern den Dargestellten zu ehren, während dessen Schattenseiten unterschlagen werden. Ja, Dr. Karl Lueger war Bürgermeister der Stadt Wien und hat in seiner Amtszeit durch die Kommunalisierung von Dienstleistungen und Infrastruktur Wien weiterentwickelt. Doch seinen Aufstieg an die Macht verdankte er seiner skrupellosen Hetze gegen Minderheiten. Dieser Teil der Geschichte wird durch die ehrenhafte Darstellung Luegers ausgeblendet, wodurch eine Verfälschung der Geschichte stattfindet. Eine kleine Hinweistafel alleine kann diese Problematik nicht auflösen. Die Geschichte von Dr. Karl Lueger als Person, aber auch die von Antisemitismus und Rassismus in dieser Stadt müssen endlich richtig erzählt und mit dem Heute verknüpft werden.

Seit Jahrzehnten lässt eine politische Lösung auf sich warten. Zu groß die Diskussion, zu unterschiedlich die Positionen, schien es lange.
Mit der Einberufung dieser Expert_innenkommission zur Zukunft des Dr.-Karl-Lueger-Platzes will #aufstehn einen Lösungsweg anbieten. Denn gerade jetzt – wo Antisemitismus und Hetze gegen Minderheiten im Schatten der Pandemie einen Aufwind erleben – braucht es ein klares Signal: Antisemitismus hat keinen Platz in Wien!

#aufstehn hat deshalb gemeinsam mit sieben Expert_innen aus den Disziplinen Architektur, Kunst, Kultur und Zeitgeschichte eine Kommission gegründet, die in mehreren Sitzungen Empfehlungen an die politischen Verantwortungsträger_innen entwickelt hat. Die zentrale Frage “Wie gehen wir als Gesellschaft mit dem Denkmal des bekennenden Antisemiten Karl Lueger in Wien und dem dazugehörigen Platz um?” wurde aus verschiedenen wissenschaftlichen Perspektiven und aus unterschiedlichen Fachrichtungen beleuchtet. Als gemeinsames Ergebnis wurden Empfehlungen formuliert, die sich an die Entscheidungsträger_innen der Stadt Wien sowie an die Bezirksvertretung des 1. Bezirks richten. Darüber hinaus finden sich in diesem Bericht wissenschaftlich fundierte, fachspezifische Einschätzungen der beteiligten Expert_innen, warum eine zeitnahe Dekonstruktion des Dr.-Karl-Lueger-Platzes und des Denkmals unumgänglich ist.

Als Zivilgesellschaft haben wir uns der kontroversen Debatte rund um das Denkmal und den Platz gestellt. Wir haben Lösungen gesucht und hiermit Ergebnisse festgehalten. Wir appellieren an die Entscheidungsträger_innen, die Empfehlungen aufzugreifen und eine Lösung auf politischer Ebene voranzutreiben.

Jasmin Chalendi

Maria Mayrhofer

#aufstehn ist die zivilgesellschaftliche Kampagnenorganisation in Österreich. Wir sind eine wachsende Community engagierter Menschen, die sich für progressive Politik stark machen – für ein positives Miteinander, soziale Gerechtigkeit, faires Wirtschaften und den Schutz unseres Planeten. Mithilfe digitaler Technologien verschaffen wir uns Gehör und gestalten Politik und Gesellschaft mit.

Empfehlungen der Expert_innen-Kommission

Die nachfolgenden Empfehlungen zur Zukunft des Dr.-Karl-Lueger-Platzes und des dort befindlichen Dr.-Karl-Lueger-Denkmals sind das Ergebnis der von #aufstehn initiierten Expert_innenkommission. Sie geben den erreichten Konsens der Diskussion der Expert_innen aus den Disziplinen Zeitgeschichte, Architektur, Kunst und Kultur unter Einbindung der Betroffenenperspektive wieder. Diese Empfehlungen richten sich an die Stadt Wien und die Bezirksvertretung des 1. Bezirks mit dem Ziel, einen fundierten Lösungsansatz für die dringende Umgestaltung und Neukontextualisierung des Platzes vorzulegen.

DER GESAMTE PLATZ MUSS UMGESTALTET WERDEN

Die Expert_innenkommission ist zu dem Schluss gekommen, dass der gesamte Dr.-Karl-Lueger-Platz künftig als Ort der Reflexion fungieren soll. Aus einem Platz der Geschichtsfälschung soll ein Platz der kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte und der Gegenwart werden. Das Denkmal alleine kann dieser monumentalen Aufgabe keinesfalls gerecht werden, da es neben einer symbolischen auch eine inhaltliche Intervention braucht. Der gesamte Platz soll daher in seiner aktuellen Gestalt dekonstruiert und umgestaltet werden. Ziel soll es sein, einen Raum zu schaffen, an dem sich Menschen durch Informations- und Interaktionsangebote mit vergangenen und gegenwärtigen Formen von Antisemitismus und Rassismus befassen können. Der Prozess der Umgestaltung soll ein partizipativer sein und Teilhabe ermöglichen.

DIE STATUE MUSS IHREN EHRENDEN CHARAKTER VERLIEREN UND VOM SOCKEL DES DENKMALS ENTFERNT WERDEN

Als Betrachter_in blickt man auf Luegers Figur hinauf, denn sie erhebt den Protagonisten über die Passant_innen und weist ihm so einen übergeordneten Status zu. Dieser ehrende Charakter und die Überhöhung, die Dr. Karl Lueger durch sein Ehrendenkmal zu Teil werden, sind aus demokratiepolitischen Erwägungen fragwürdig und unter Berücksichtigung der Biografie des Geehrten abzulehnen. Daher empfehlen wir eine grundlegende Umgestaltung des Dr.-Karl-Lueger-Denkmals: Die vier Meter hohe Bronzefigur Dr. Karl Luegers in 16 Meter Höhe soll von ihrem jetzigen Platz am Sockel entfernt werden.

Die Umgestaltung des Platzes soll Geschichte nicht unsichtbar machen, sondern sie ganz im Gegenteil kritisch verorten und zur Diskussion stellen: Die gesellschaftlichen und politischen Ereignisse zu Lebzeiten Luegers sowie die Entstehungsgeschichte des Denkmals sollen kontextualisiert und mit den Entwicklungen bis zur Gegenwart in Verbindung gebracht werden. Nur so kann ein Raum für kritische Reflexion geschaffen werden.

DER DR.-KARL-LUEGER-PLATZ BRAUCHT EINEN NEUEN NAMEN

Eine Umgestaltung des jetzigen Platzes und die Schaffung eines Reflexionsraumes ist ohne Umbenennung nach Ansicht der Expert_innen nicht möglich. Sprache schafft Bilder und damit Realitäten. Der Bruch mit dem jetzigen Platz muss auch sprachlich passieren. Orientiert an internationalen Vorbildern soll es sich bei dem politischen Prozess zur Umbenennung um eine von breiten Informationsangeboten begleitete Initiative handeln, die der Bevölkerung der Stadt, wie z.B. Menschen, die in den Bezirken rund um den Dr.-Karl-Lueger-Platz leben oder arbeiten, auch Teilhabemöglichkeiten eröffnet, um so aktiv und umfassend eingebunden zu werden.

DIE AUSSCHREIBUNG FÜR DEN NEUEN PLATZ MUSS ÖFFENTLICH UND DAMIT FÜR ALLE KUNSTSCHAFFENDEN ZUGÄNGLICH SEIN

Der neue Reflexionsraum vor Ort beginnt nicht erst nach seiner Fertigstellung zu wirken, sondern muss bereits im Dekonstruktionsprozess geschaffen werden. Eine kritische Reflexion über den Ort kann nur passieren, wenn es keine gestalterischen Einschränkungen bei Bewerbungen gibt. Bis auf den inhaltlichen Rahmen, den wir in diesem Dokument bereits vorgeschlagen haben und der Empfehlung, dass Luegers Bronzestatue von ihrem Sockel genommen werden muss, raten wir den Entscheidungsträger_innen, keine weiteren gestalterischen Vorgaben zu machen.

An der Expert_innenkommission waren beteiligt (nach alphabetischer Reihnfolge): Gabu Heindl, Elke Krasny, Oliver Rathkolb, Felicitas Thun-Hohenstein, Florian Wenninger, Mechtild Widrich, Jüdischen Österreichischen Hochschüler_innen. Initiiert und organisiert wurde die Kommission von #aufstehn.

Die Statements der Expert_innen

Es gibt keinen demokratisch legitimen Grund, warum irgendein Platz einem Antisemiten Ehre gebieten sollte. Aber es gibt viele Gründe, diesen Missstand an diesem Platz endlich zu beenden. Und zwar nicht durch sanfte Kontextualisierung, etwa mit einer Tafel, sondern durch Entfernung der Figur Luegers.

— Zitat Gabu Heindl

Gabu Heindl

Architektur und Stadtplanung

Der Stadtraum ist Geschichtsort – Ort geschichteter Sedimentierungen von Konflikt. Besonders im öffentlichen Raum wird sichtbar, wem Ehrung zugekommen ist: Durch eine Gestaltung von Raum, die seiner Besetzung gleichkommt. Öffentlicher Raum als demokratischer ist aber auch und vor allem ein politischer Raum, d.h. er ist veränderbar als Ort von Streitaustragung und als ein selbst umstrittener Ort.

Der Dr.-Karl-Lueger-Platz ist so ein sedimentierter Geschichtsort. Seit langem steht er in der Kritik, weil er seit 1926 per Namen und groß dimensionierten Denkmal den Wiener Bürgermeister (1897-1910) und in seiner Politik vehementen Antisemiten Lueger ehrt. Während Antifaschist_innen dies immer wieder als Schande aufzeigen, wird die Statue unter Mithilfe von Neonazis und Identitären auf dem Sockel gehalten.
Zu betonen, dass Antisemitismus nie aufgehört hat, dass er nach wie vor Alltagserfahrung für viel zu viele Menschen ist, dazu bedarf es keiner Lueger-Statue. Der Einwand, die Entfernung des Denkmals bedeute „Entsorgung“ von Antisemitismus-Geschichte, geht ins Leere: Vieles wird als Teil von Geschichte transportiert und diskutiert, ohne dass es durch Denkmäler und Straßennamen geehrt werden würde. Geschichte heißt, dass die Gegenwart ein Verhältnis zur Vergangenheit eingeht; nicht, dass Vergangenheit in die Gegenwart kontinuiert wird.

Die Umgestaltung zu einem Platz ohne Lueger erweitert Möglichkeiten für antifaschistische Public History. Die Denkmalentfernung wird zum neuen Kapitel der Erinnerungskultur dieses Platzes; das sollte in einer Kontextualisierungs-Tafel festgehalten werden: „Hier wurde 1926-2021 dem Wiener Bürgermeister und vehementen Antisemiten Karl Lueger Ehre erwiesen. Es erforderte viel an antifaschistischem Engagement und an Ausdauer, um seine Ehrung an diesem Platz zu beenden.“ So wie Straßennamen wären Denkmäler insofern leicht veränderbar, als sie nicht als Gebäude genutzt werden. Sie besetzen öffentlichen Raum symbolisch, im konkreten Fall als antisemitisches Statement. Und materiell nicht zuletzt als mit Steuermitteln zu pflegendes öffentliches Gut.
Anstelle der Verehrung einzelner Männer, könnte Wien diesen Ort für progressive Geschichtsschreibung nutzen. Der Platz könnte die Erinnerung an Errungenschaften aus Luegers Zeit demokratisieren: So wie Lueger nicht der einzige Antisemit war, war er auch nicht derjenige, geschweige denn der Einzige, der die Stadtbahn, den Kanal oder die zweite Hochquellwasserleitung errichtet hat. Wie könnte den vielen, an deren Errichtung beteiligten Frauen und Männern Platz gegeben werden?

BIO Dr.in Gabu Heindl ist Architektin und Stadtplanerin mit Büro in Wien. Sie lehrt an der Akademie der bildenden Künste in Wien und als Gastprofessorin an der Architectural Association School of Architecture in London. 2013 bis 2017 war sie Vorstandsvorsitzende der Österreichischen Gesellschaft für Architektur. Internationale Vortrags- und Publikationstätigkeiten.

Foto: © Yona Schuh

Ein zukünftiger Verbleib des Lueger-Denkmals auf dem Platz bedeutet die ungebrochene Fortsetzung der öffentlichen Artikulation, der öffentlichen Kundgebung des ehrenden Andenkens an den politischen Antisemitismus.

— Zitat Elke Krasny

Elke Krasny

Kunst und Bildung

Das Karl Lueger gewidmete Denkmal stellt eine monumentale Ehrung dar. Die Größe und die Formensprache des Denkmals bezeugen machtvoll heroisierende Monumentalisierung und monumentale Heroisierung. Ein zukünftiger Verbleib des Lueger-Denkmals auf dem Platz bedeutet die ungebrochene Fortsetzung der öffentlichen Artikulation, der öffentlichen Kundgebung des ehrenden Andenkens an den politischen Antisemitismus. Solch eine durch den Verbleib des Denkmals auf dem Platz weiterhin erfolgende monumentale Ehrung einer Politik, die sich durch rassistische Traditionsbildung und von antisemitischer Diskriminierung begründet, bedeutet folglich, dass durch Ehrung anerkennende Legitimierung erfolgt und dass dieser öffentlich Raum gegeben wird.

Eine Entfernung der Statue vom Sockel und vom Platz ist daher in geschichtspolitischer, erinnerungspolitischer und gedächtnispolitischer Hinsicht weder als Entsorgung von Geschichte, noch als Entledigung von historischer Verantwortung zu begreifen – welche ursächlich immer unmöglich sind – sondern als aktives Übernehmen von historischer Verantwortung, die sich gegen die Monumentalisierung des ehrenden Gedenkens an den politischen Antisemitismus zur Wehr setzt. Ein Verbleib auf dem Sockel ist gleichzusetzen mit der Fortsetzung von rassistischer und antisemitischer Diskriminierung, denen Menschen durch im öffentlichen Raum legitimierte Erinnerungen wie Straßen- und Platzbenennungen oder Denkmäler, wie dem Lueger-Denkmal, ausgesetzt und unterworfen werden.

BIO Univ.-Prof. Mag.a Elke Krasny, PhD, Professorin für Kunst und Bildung an der Akademie der bildenden Künste Wien, forscht zu sozialer und ökologischer Gerechtigkeit, feministischen Praxen und Erinnerungspolitiken in Kunst und Architektur.

Foto: © Stefan Knittel

Nicht nur den Blick in die Vergangenheit richten, sondern noch stärker auf die Gegenwart.

— Zitat Oliver Rathkolb

Oliver Rathkolb

Zeitgeschichte

ür mich als Zeithistoriker ist es wichtig, bei all der berechtigten Auseinandersetzung um Karl Lueger und seine aggressiv antisemitische Rhetorik nicht den Blick für die Gesellschaft und andere politischen Parteien zu verlieren. So waren beispielsweise die Schönerianer erbitterte Gegner Luegers und gleichzeitig noch aggressivere Antisemiten – wie auch die schlagenden Burschenschaften.

Antisemitismus finden wir nicht nur in der Anhängerschaft und bei Funktionär_innen der Christlichsozialen Partei Luegers oder in den christlichen Kirchen, sondern auch bei den Großdeutschen und zahlreichen Sport-, Kultur- und Freizeitvereinigungen mit dem Prinzip des Ausschlusses von Mitgliedern jüdischer Herkunft. Auch die Sozialdemokrat_innen waren trotz zahlreicher Spitzenfunktionäre_innen jüdischer Herkunft nicht frei von diesen menschenverachtenden Vorurteilen. Alltagsantisemitismus gibt es um 1900 quer durch alle Gesellschaftsschichten und nicht nur in Wien, sondern in allen Teilen der Habsburger Monarchie.

Daher ist es auch für jede Form von demokratischer politischer Aufklärung und Bildung zum Abbau und zur Verhinderung von antisemitischen und rassistischen Vorurteilen und Verhaltensweisen wesentlich, die gesamte Gesellschaft und nicht nur einzelne Personen oder Gruppen anzusprechen.

So wichtig der kritische Blick in die Vergangenheit und die Zeit Karl Luegers und vor allem auf den Nationalsozialismus und die Shoah ist, wir müssen in der Gegenwart ansetzen und in allen Bereichen mit aller Kraft Mittel und Wege finden, um die antisemitischen Weltverschwörungsmythen, die gerade auch die digitalen Medien neuerlich überschwemmen, aufzulösen, und Antisemitismus, Rassismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit zurückzudrängen und zu dekonstruieren.

Umfragen zeigen eindeutig, dass jene, die antisemitische Vorurteile vertreten und offen kommunizieren, häufig starke autoritäre und anti-demokratische Einstellungen vertreten und einen neuen „Führer“, der „sich nicht um Wahlen und Parlament kümmern muss“, präferieren.
Daher muss die permanente Auseinandersetzung mit Karl Lueger ein Teil unserer demokratischen Erinnerungspolitik bleiben. Ihn einfach zu entsorgen, ist das falsche Signal – er muss Teil unserer Geschichte bleiben.

BIO Univ.-Prof. DDr. Oliver Rathkolb ist Professor am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien und Institutsvorstand sowie Mitglied des Senats der Universität Wien; Er ist Autor, Herausgeber und Mitherausgeber zahlreicher Publikationen zu Themen der österreichischen Zeit-, Kultur- und Mediengeschichte. Er ist Vorsitzender des internationalen wissenschaftlichen Beirats des Hauses der Europäischen Geschichte (Europäisches Parlament, Brüssel) und des wissenschaftlichen Beirats des Hauses der Geschichte Österreich sowie Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Jüdischen Museums Wien.

Hören wir auf, Lueger in Bronze auf einen gewaltigen Sockel zu stellen und ihn als den gütigen Stadtvater zu feiern, der er nie war.

— Zitat Florian Wenninger

Florian Wenninger

Zeitgeschichte

Denkmäler sind keine Geschichtsbücher. All die Statuen, Tafeln und Plastiken sind Ausdruck gesellschaftlich dominanter Werthaltungen ihrer jeweiligen Zeit. Gesellschaftliche Machtverhältnisse verändern sich, und mit ihnen das Fühlen und Denken der Menschen. Diese Veränderung schlägt sich wiederum im Symbolhaushalt des öffentlichen Raums nieder. Die Überformung, manchmal auch die Beseitigung von öffentlichen Würdigungen ist kein Akt der „Auslöschung“ von Geschichte, sondern ein Vorgang, der eine lebendige demokratische Kultur auszeichnet.

Der Zyniker Lueger verdankte seinen politischen Erfolg maßgeblich seiner Judenhetze. Ein Jahrzehnt nach Luegers Tod überführte die dritte Generation von Politiker_innen, die im Geiste dieses politischen Antisemitismus sozialisiert worden war, das tägliche Demütigen und Herabwürdigen in einen Prozess der Entmenschlichung. Lueger hatte kühl mit der Kanalisierung von Hass und Existenzängsten kalkuliert, um seine kleinbürgerlichen Wählerstimmen zu maximieren. In den 1920ern begann sich diese berechnende Niedertracht zusehends zu verselbstständigen. Sie wurde vom Mittel zum Grundmotiv der Politik. Die Saat des politischen Antisemitismus ging schließlich auf in den Todeslagern von Sobibor und Treblinka, in Auschwitz und Belzec. Was man angeblich vor dem NS-Völkermord nicht wissen konnte – dass die permanente Agitation gegen Minderheiten eine starke Tendenz zur Selbstradikalisierung hat – wissen wir heute mit Bestimmtheit. Die Frage ist, wie wir dieser Erkenntnis Rechnung tragen. Ein erster Schritt wäre es, die Ehrung von Hetzern zu beenden. Im konkreten Fall geht es nicht darum, Luegers Politik der Kommunalisierung, des öffentlichen Infrastrukturausbaus zu unterschlagen oder schlecht zu machen. Es geht darum, sie in ein Verhältnis zu stellen zu dem, was ihn als politische Persönlichkeit noch gekennzeichnet hat.

Darum, Stellung zu beziehen. Die Verdienste des Bürgermeisters Lueger können nicht aufwiegen, was der Hassprediger Lueger und seine Schüler langfristig angerichtet haben. Diese simple Erkenntnis sollte sich auch in der öffentlichen Würdigung niederschlagen. Widmen wir der Lueger-Ära Museen und Ausstellungen, Studien und Dokumentationen, behalten wir sie und ihr Erbe in Erinnerung so gut wir können. Aber hören wir auf, Lueger in Bronze auf einen gewaltigen Sockel zu stellen und ihn als den gütigen Stadtvater zu feiern, der er nie war.

BIO Florian Wenninger ist Historiker, Forschungsschwerpunkte u. a. österreichische Zeitgeschichte und historische Identitätsforschung sowie Leiter des Instituts für Historische Sozialforschung.

Denkmäler zu entfernen bedeutet nicht, die Geschichte zu entfernen, sondern, als Gesellschaft zu entscheiden, welche Ereignisse oder Personen Teil der öffentlichen (im wörtlichen Sinne) Geschichtsschreibung sein sollen.

— Zitat Mechtild Widrich

Mechtild Widrich

Kunstgeschichte

Über Lueger und die Auswirkungen seiner Politik gibt es seit mehr als hundert Jahren Diskussionen. 2012 wurden der Karl-Lueger-Ring nach jahrelangen Protesten und Petitionen – die auch die Autorin unterstützt hat – in Universitätsring umbenannt. Im Unterschied dazu ist das Denkmal im ersten Bezirk von Josef Müllner aus architektur- und kunsthistorischer Sicht als Teil der Geschichte von Monumenten und deren Funktion zu betrachten.

Denkmäler entstehen als Teil einer geschichtlichen Epoche, aber sie stehen auch in Verbindung mit der jeweils zeitgenössischen Gesellschaft in der sie – immer wieder neu – wirken. Als Form gebärden sie sich territorial, nehmen Platz ein – klassischerweise durch Vertikalität, Monumentalität und Einbindung in die Stadtplanung, und das Lueger-Denkmal ist keine Ausnahme. Aus diesem Grund ist es auch nicht unüblich, dass Denkmäler umgestellt, verändert, oder entfernt werden – und hier rede ich nicht von Denkmalstürzen, sondern zu erwartenden gesellschaftlichen und stadtplanerischen Umwandlungen. Wem wird Platz geboten, wer wird Teil der offiziellen Erinnerung?

Eine aktive Demokratie sollte meiner Meinung nach besonders auf symbolische Repräsentation im öffentlichen Raum achten und Veränderungen in der Wirkung und Aussage der Denkmäler berücksichtigen. Die Aspiration, den öffentlichen Raum mittels symbolischer Repräsentation offen, divers und inklusiv zu gestalten, schließt eine Auseinandersetzung mit Denkmälern mit ein. Weder eine gute Demokratie noch ein demokratisches Geschichtsbewusstsein hängen nur an Monumenten und symbolischen Akten, aber, Symbole sind Teil davon. Das Lueger Denkmal steht der konstruktiven Auseinandersetzung mit Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit ganz konkret in seiner Materialität im Wege, weil öffentlich gezeigt wird, dass Wien nicht bereit ist, es zu entfernen.

Was wäre zu tun? Aus kunsthistorischer Sicht ist die Statue, vor allem der Sockel, in gewissem Sinne interessant, aber Müllner ist ein keineswegs einzigartiger Künstler. Die Umbenennung des Platzes und die Entfernen der Statue scheint mir unumgänglich – ich wäre für die Beibehaltung des Sockels, welche die Möglichkeit böte, sowohl an die Geschichte des Platzes zu erinnern, als auch, aus ihr zu lernen. Der Sockel könnte als Speakers Corner, Projektort, oder Bühne für neue Geschichten dienen.

BIO Prof. Dr.in Mechtild Widrich studierte an der Universität Wien und promovierte am Institut für Architektur am Massachusetts Institute of Technology. Sie lehrt seit 2015 an der School of the Art Institute of Chicago. Widrich publiziert in Büchern, referierten Fachzeitschriften und Tageszeitungen, ist Autorin von “Performative Monuments. The Rematerialisation of Public Art” (2014) und Herausgeberin von “Ex Situ. On Moving Monuments” (Future Anterior / Columbia University, 2020). Internationale Vortragstätigkeit zu Kunst im öffentlichen Raum, Erinnerungskultur und Performance.

Bei Antisemitismus darf keine Ambivalenz herrschen und keinesfalls darf es sein, dass Wien mitten in der Innenstadt einen Antisemiten ehrt.

— Zitat Jüdische Österreichische Hochschüler_innen

Jüdische Österreichische Hochschüler_innen

Gesellschaft

Im Rahmen der von #aufstehn initiierten Expert_innenkommission waren wir, die Jüdischen österreichischen Hochschüler_innen, Teil der Diskussion um die Dr.-Karl-Lueger-Statue. Wir möchten uns dafür bedanken, dass betroffene Stimmen in diese Diskussion inkludiert und gehört werden, insbesondere in diesem Fall, da dieses ehrende Antisemiten-Denkmal unseren Alltag als Jüdinnen und Juden in Wien beeinträchtigt.

Für uns spielen zwei Aspekte in dieser Debatte eine wichtige Rolle:
Zum einen ist es für uns kaum zu begreifen, dass heute, im Jahre 2021, noch immer ein Bedürfnis nach Ambivalenz in Bezug auf die antisemitische Vergangenheit Österreichs herrscht. Zu viele Menschen wollen „nicht nur das Böse“ in jenem Politiker sehen, der als Vorreiter für den Antisemitismus in Österreich und Deutschland gewirkt hat und Adolf Hitler ein Vorbild war. Zu viele Menschen appellieren auf „die guten Taten Luegers“, aber: Bei Antisemitismus darf keine Ambivalenz herrschen und keinesfalls darf es sein, dass Wien mitten in der Innenstadt einen Antisemiten ehrt.

Zum anderen stellt die Statue eine reale Gefahr für uns Jüdinnen und Juden dar, da sie ein Sammelort für gewaltbereite Rechtsextreme ist, die sich mit dem Antisemitismus identifizieren. Anfang Oktober des letzten Jahres hatten wir eine Kunstinstallation bei der Lueger Statue geplant und als am Abend davor die rechtsextreme Identitäre Bewegung eine „Wache“ abhielt, befanden wir uns als offen jüdische Organisation in einem Zustand der Angst. Diese Verhältnisse dürfen nicht unsere Realität sein. Hier schlagen wir Alarm und deshalb stehen wir für eine Weggestaltung und eine Dekonstruktion dieser Statue ein.

BIO Die jüdischen österreichischen Hochschüler_innen sind die politische Vertretung aller jüdischen Student_innen. Sie sind Ansprechpartner_innen bei Problemen, sind politisch engagiert und organisieren gemeinsam eine Vielzahl an Veranstaltungen.

Der Bericht als Download:

(PDF | 5 MB)