Drei Dinge, die du gegen Antisemitismus tun kannst

In diesem Gastbeitrag erzählt uns Illya Babkin von den Jüdischen Österreichischen Hochschüler_innen, wie es ist, als Jude in Österreich zu leben und wie jede_r Einzelne von uns gegen Antisemitismus aktiv werden kann:

 

Als Jude oder Jüdin in Österreich wird man früher oder später mit Antisemitismus konfrontiert. Sei es verbal, durch eine_n Barbesucher_in der/die an dem Abend zu tief ins Glas geschaut hat und durch die Bar ruft „Hey, schicke Mütze du Scheißjude. Wo gibt‘s denn die zu kaufen?“, oder von Leuten auf der Straße, die einem zurufen „Schweinefleisch ist lecker!“. Sei es durch halbstündige glatt judenfeindliche Predigten, wie ich sie mir anhören musste, als ich eine Freundin zu einer Kirchenfeier begleitete, oder durch gefährliche Angriffe, wie wir sie vor einigen Wochen in Graz erleben mussten. [1] 

Nun ist klar, dass die Politik und die Behörden gefordert sind. Seit Jahren fordern wir Antisemitismusbeauftragte und Meldestellen, bei denen Anzeigen nicht sofort zu den Akten gelegt werden, sondern ihnen auf den Grund gegangen wird. Doch stellen mir Menschen immer wieder die wichtige und richtige Frage, wie sie als Laien, als Menschen die nicht in der Politik und Gesetzgebung sitzen, helfen können. Denn wie wir wissen, ist Antisemitismus nicht nur ein jüdisches Problem, sondern ein Indikator für den allgemeinen Verfall einer Gesellschaft. 

Seien wir uns ehrlich: Die Menschen, die wir erreichen wollen, sind nicht die bornierten Neonazis und FPÖ-Spitzen, die sich von „Einzelfall“ zu „Einzelfall“ schwingen wie Spiderman. Für diese Menschen ist Hopfen und Malz verloren und es gilt sie zu boykottieren und ihnen mit allen demokratischen Mitteln, wie Demonstrationen und Gegenaktionen, die Bühne unter den Füßen zu entziehen. Denn die Menschen, die wir erreichen wollen, wollen sie auch erreichen. Es sind die Unentschlossenen, die Protestwähler_innen und die, die „da mal was gehört haben“. Menschen, die es gut meinen, aber vielleicht gerade dabei sind, auf das falsche politische Pferd zu setzen. Diese Menschen lassen sich durch Erklärungen und Wissen überzeugen. Deshalb ist der erste Schritt, sich selbst weiterzubilden. Denn wer über Wissen verfügt, kann eigene Vorurteile hinterfragen und dabei helfen, dass andere es ebenfalls tun. 

1.Jede_r soll außerhalb von Mauthausen mal mit einer jüdischen Person geredet haben!

Redet mit jüdischen Freund_innen und wenn ihr keine habt, dann besucht die jüdische Gemeinde oder lest eine Nachtlektüre über das Judentum. Die IHRA-Definition von Antisemitismus, die auch von immer mehr Staaten, mitunter Österreich, angenommen wurde, liefert zum Beispiel eine wichtige Basis, um zu verstehen, welchen Umfang Antisemitismus als Begriff hat. [2] Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie viele Menschen man durch Bildung erreichen kann. In wie viele überraschte Gesichter ich regelmäßig blicke, wenn ich vor einer Schulklasse erwähne, dass ich genauso wie jeder andere meine Steuern zahle und dieselben gelegentlichen, finanziellen Engpässe habe wie andere Studierende. Unser Ziel ist es, dass jede Schulklasse sich außerhalb von Mauthausen auch mit mindestens einem Juden oder einer Jüdin unterhalten hat und das florierende jüdische Leben in Österreich kennenlernen kann. Genauso bauen wir Brücken. 

2.Schau nicht weg, wenn Betroffene deine Hilfe brauchen

Der zweite Schritt ist Zivilcourage zu leisten und Menschen, die wissentlich, oder unwissentlich Vorurteile und Ressentiments verbreiten, offen und vor ihrem Publikum darauf anzusprechen und bei Böswilligkeit auch anzuzeigen. Der Wert, der sich für die Betroffenen und Umstehenden, sowie – in den meisten Fällen unwissenden – Verbreiter_innen daraus ergibt, ist enorm.

3.Wir sind alle Menschen.

Zu guter Letzt ist das Wichtigste, dass wir die Jüdinnen und Juden in unserer Umgebung einfach nur als Menschen sehen und als solche mit ihren Stärken und Schwächen,  ihren guten und schlechten Eigenschaften behandeln. Nichts Besseres und nichts Schlechteres möchten wir. 

Danke an alle, die an unserer Seite stehen und uns unterstützen. Es gibt noch viel zu tun. Es liegt an uns allen, Antisemitismus und Antisemit_innen jeden Platz in unserer Gesellschaft zu nehmen. Hier kannst du uns dabei unterstützen!

Quellen:
[1] Der Standard, 23.08.2020: Angriffe auf Grazer Synagoge: Wiederkehr der Täter verhindern
[2] holocaustremembrance.com: Arbeitsdefinition von Antisemitismus

Als Campaignerin bei #aufstehn plant Jasmin öffentlichkeitswirksame und schlagkräftige Kampagnen. Erfahrung in der Kampagnenarbeit hat sie in der Österreichischen Hochschüler_innenschaft und in der Schüler_innenvertretung gesammelt, insbesondere im bildungspolitischen Bereich.