4 Gründe, warum das Lueger-Denkmal weg muss

Mitten in Wien steht das Denkmal des antisemitischen Wiener Bürgermeisters Karl Lueger. Nach jahrelanger Kritik wird die Karl Lueger-Statue nun umgestaltet und restauriert [1]. Was an den Plänen der Stadt Wien problematisch ist, erfährst du hier.

Karl Lueger gilt als Erfinder des politischen Antisemitismus – und war ein Vorbild für Adolf Hitler [2]. So eine Person verdient kein Denkmal. Damit ist eigentlich schon das Wichtigste gesagt.

Trotzdem steht in der Wiener Innenstadt immer noch ein rund 20 Meter hohes Denkmal für Karl Lueger. Die Stadt plant nun eine Umgestaltung der Statue: Sie soll künftig 3,5 Grad gekippt sein. Es gibt allerdings viele Gründe, warum die geplante “Umgestaltung” nicht ausreicht.

1. Jüdinnen und Juden sagen, dass die Statue antisemitisch ist

Nicht wir, sondern Betroffene entscheiden, was sie als verletzend oder diskriminierend empfinden. Viele jüdische Organisationen sprechen sich dafür aus, dass das Denkmal entfernt wird, wie z.B. die Jüdischen Hochschüler_innen:

“Heutzutage ist Wien eine großartige Stadt für seine Jüdische Gemeinde, doch damit dies so bleibt, müssen antisemitische Kontinuitäten weiter aufgelöst werden. In Wien steht an einem zentralen Ort das Denkmal eines Anhängers einer mörderischen Ideologie und eines der wichtigsten Vorbilder Hitlers. Es ist von enormer Bedeutung, dass Wien sich weiter mit seiner Vergangenheit beschäftigt und diese vollständig aufarbeitet. Einen der bedeutendsten Judenhassers der Geschichte Wiens mit einem meterhohen Denkmal zu zeleberieren, ist allerdings eher eine Verhöhnung der Opfer, als ein Beitrag zur Aufarbeitung!”

Danke an alle die gestern zu unserer Kunstinstallation „Lueger links liegen lassen“ gekommen sind und (mit uns) ein…

Gepostet von Jüdische österreichische HochschülerInnen am Donnerstag, 8. Oktober 2020

2. Nur Karl Lueger den Bürgermeister gibt es nicht

Ja, Karl Lueger war Bürgermeister von Wien, aber er war vor allem auch Antisemit. Diese beiden Personen voneinander zu trennen, ist unmöglich. Antisemitismus war Teil von Luegers Politik – und hat ihn erst zum Bürgermeister gemacht [3]. Diesen Fakt auszublenden und ihn für seine Taten als Bürgermeister zu preisen, ist so, als würde man sagen: “Hitler war auch nicht schlecht – er hat ja Autobahnen gebaut.” Auch zu behaupten, dass er “ein Opfer seiner Zeit” war, verharmlost seine antisemitische Politik. Lueger war nicht irgendwer, er gilt als Erfinder des politischen Antisemitismus. Antisemitismus war bei ihm kein Nebenthema, sondern Teil seiner Strategie, um Stimmen und Macht zu gewinnen [4].

 


Das ist der Plan für die Lueger-Statue

Kritik an der Statue gibt es bereits seit mehreren Jahren. #aufstehn organisierte 2021 eine unabhängige Expert_innen-Kommission, die klare Empfehlungen für die Umgestaltung des Denkmals abgab – u.a. dass die Statue ihren ehrenden Charakter verlieren, vom Sockel entfernt und stattdessen Raum für eine Auseinandersetzung mit Antisemitismus und Rassismus geschaffen werden muss. Alle Forderungen findest du hier: “Wie es mit Lueger weitergeht. Die Entscheidung der #aufstehn Expert_innen-Kommission.

Diese Empfehlungen finden sich in den Gestaltungsplänen der Stadt Wien nicht wieder. Stattdessen soll das Denkmal in Schieflage gebracht werden – diese Lösung ging 2023 aus einem Wettbewerb zur Umgestaltung hervor. Weitere zweieinhalb Jahre geschah nichts. Im Jänner 2026 wird sie nun um hunderttausende Euro abgebaut und restauriert. Sommer 2026 soll sie dann mit einer Schieflage wieder stehen [5].

Die geplante Umgestaltung sorgt für Kritik – die Jüdische Österreichischen Hochschülerinnen sprechen “von einem Schlag ins Gesicht für alle Jüdinnen und Juden in Österreich” [5].

Die Statue des Antisemiten Karl Lueger in Wien, wird umgestaltet.
Das Karl Lueger-Denkmal am Stubentor wurde mehrfach mit dem knallroten Graffiti-Schriftzug “Schande” beschmiert.

3. Eine Schieflage verhindert keine Pilgerstätte für Rechtsextreme

Aktuell gibt es bereits eine Gedenktafel beim Lueger-Denkmal. Trotzdem ist die Statue nach wie vor eine Pilgerstätte für gewaltbereite Rechtsextreme. Daran wird auch eine Neigung um 3,5 Grad nichts ändern. Rechtsextreme fühlen sich durch die Präsenz der Statue in ihrem Denken so sehr bestätigt, dass sie einfach am hellichten Tag Kunstinstallationen gegen Antisemitismus stören [6].

„Wenn wir als Gesellschaft es nicht schaffen, Antisemit_innen und Rechtsextremen den öffentlichen Raum zu nehmen, und damit auch ihren Gedenkstätten, dann geben wir ihnen das Gefühl, dass wir sie akzeptieren.“

– Christian Haslinger, Senior Campaigner #aufstehn

 

4. Wir schreiben gerade das nächste Kapitel unserer Geschichte

“Wenn die Statue wegkommt, dann löschen wir die Geschichte aus”, denken manche. Unsere Antwort: Nein, tun wir nicht. Wenn wir sie entfernen oder nach den Expert_innen-Empfehlungen umgestalten, beweisen wir, dass wir aus der Geschichte gelernt haben. Gerade sind wir dabei, die nächste Seite unserer gemeinsamen Geschichte zu schreiben. In unserer Geschichte ist kein Platz für 20 Meter hohe Ehrendenkmäler für Antisemit_innen – vor allem ohne eine wirkliche Kontextualisierung.

Kurz zusammengefasst: Wir wollen aus der Geschichte von Denkmälern wie der Lueger-Statue lernen und in der Gegenwart die richtigen Schlüsse aus ihrem Entstehen ziehen. Die Statue um 3,5 Grad zu kippen, wird diesem Anspruch bei Weitem nicht gerecht. Wenn die Stadt Wien Antisemitismus ernsthaft bekämpfen will, darf sie keinen Antisemiten im öffentlichen Raum ehren.

Quellen:
[1] ORF, 19. August 2025: Lueger-Denkmal wird erst 2026 „gekippt“
[2] Süddeutsche Zeitung, 20. August 2012: Wien hadert mit antisemitischem Stadtvater
[3] ORF, 9. März 2010: Karl Lueger, ein verdienstvoller Antisemit
[4] ORF, 17. Juni 2016: Zusatztafel für Karl-Lueger-Denkmal
[5] ORF, 12. Jänner 2026: Vorarbeiten fürs Kippen von Lueger-Denkmal
[6] ORF, 5. Oktober 2020: „Schandwache“ bei Lueger-Denkmal gestört

Jasmin Chalendi hat das #aufstehn-Team als Karenzvertretung bei Kampagnen unterstützt.